Geschichte des internationalen Jazz Festivals Viersen

 

Schon am 11. und 12. Januar 1969 fand in Viersen das 1. Internationale Niederrheinische Jazz Festival mit 15 Bands aus sieben Nationen statt. Für die Moderation des ersten Festivals  konnte der bekannte und langjährige WDR Journalist Dr. „Jazz“ Dietrich Schulz-Köhn, einer der profiliertesten Kenner der amerikanischen und europäischen Jazzszene, gewonnen werden.

 

Das VHS-Jazz-Studio des Kulturamtes der Stadt Viersen, in Verbindung mit dem Initiator und Viersener Bassisten Alfred (Ali) Haurand, veranstalteten dieses Jazz-Fest. Das Festival war ein Wettstreit verschiedener Bands und die vom Veranstalter ausgesetzten Geldpreise gingen im modernen Stil an die Usti Jazz Combo [1] aus der Tschechoslowakei und die Amateur Big Band aus Bremen, in der traditionellen Richtung an Addi Hübners Low Down Wizards aus Hamburg und die Harbour Jazz Band aus Rotterdam. Der Aachener Schlagzeuger Paul Lövens wurde als bester Solist ausgezeichnet. [2]

Mehr als 1100 Besucher kamen zu diesem Event in die Viersener Festhalle, von dem bereits der WDR Hörfunk in seinem Mittagsmagazin berichtete. Dieser Einstand war ein voller Erfolg und wurde als wertvolle Bereicherung der niederrheinischen Musikszene betrachtet. [3]

 

Von Anfang an wollte man das Festival als dauernde Einrichtung etablieren und hatte damals sogar den Plan es in Deutsches Jazz Festival umzubenennen. [4]

 

Bereits 1967 veranstaltete der vom damaligen Kulturamtsleiter Günter Ochs ins Leben gerufene VHS-Jazzclub unter der Leitung von Ali Haurand eine regelmäßige Konzertreihe im Festhallenkeller.

Alle wichtigen deutschen und viele international bekannte Jazzmusiker waren in dieser Zeit im Viersener Festhallenkeller zu Gast. Heute berühmte Jazz-Musiker wie Eberhart Weber, Wolfgang Dauner, Albert Mangelsdorff, Hans Koller und Volker Kriegel spielten in ihren Anfängen in Viersen.

 

Der VHS-Jazzclub [5], ab 1969 unter der organisatorischen Leitung des VHS-Geschäftsführers Helmut Nisters, verpflichtete 1987 auch Dozenten wie Rob van den Broeck, Tony Oxley, John Taylor und Kenny Wheeler für Jazz-Workshops, um den Nachwuchs und das allgemeine Interesse am Jazz zu fördern.

 

Nachdem auf Initiative von Ali Haurand am 2.11.1992 der Jazz Circle Viersen e.V. [6], anfangs mit 18 Jazzbegeisterten, ins Leben gerufen wurde, ist die Jazz-Szene der Stadt Viersen stetig gewachsen. Heute ist der Jazz Circle mit 133 Mitgliedern ein wichtiger Motor für das Jazzleben in der Stadt und verhilft dem Jazz mit seiner anspruchsvollen Konzertreihe zu ständig größerer Resonanz.

 

Am Anfang der Festivalreihe, welche 1987 nach 18jähriger Unterbrechung fortgesetzt wurde, stand ein Jubiläum. In diesem Jahr feierte man das 10jährige Bestehen des European Jazz Ensembles [7], dessen Gründer und Leiter Ali Haurand ist. Diese für ein Jazzensemble ungewöhnlich lange Zusammenarbeit bot einen willkommenen Anlass ein Fest zu feiern. Eigentlich sollte es als Sonderkonzert in einem kleinen Rahmen stattfinden. Dies war jedoch dem WDR, der das Jazz-Meeting aufnehmen wollte, für eine Fernsehübertragung nicht ansprechend genug und so entschloss man sich ein dreitägiges Fest zu veranstalten.

 

Der Erfolg des Festivals war so groß, dass der Kulturausschuss der Stadt Viersen am 16. November 1987 einstimmig beschloss, das Festival trotz des hohen Eigenanteils der Stadt Viersen fortzuführen.

 

Zu diesem Zeitpunkt ahnte niemand, dass dies der Grundstein zu einem alljährlichen, mehrtägigen Jazzfestival war.

 

Ali Haurand als künstlerischer [8],  VHS-Geschäftsführer Helmut Nisters als organisatorischer Leiter und der Festival-Moderator Dieter Speck [9] etablierten das „Internationale Jazz Festival Viersen“. [10]

 

Die Devise der ersten Jazzfestivals in Viersen war „Jazz zum Anfassen“. Man versuchte, Brücken zwischen den Musikern und dem Publikum zu schlagen und bot viel Raum für Begegnungen und Gespräche am Rande des Festivals. Die Viersener Festhalle bot das Flair und die Atmosphäre, in der das eher ungewöhnliche Festival-Konzept‚ Jazz zum Anfassen‘ prächtig zu gedeihen [11] schien.

 

Im Jahr 1992 kommt es wegen mangelnder Zuschauer und einem Eklat mit dem Moderator Dieter Speck zu einer Krise. Da Dieter Speck keine Möglichkeit einer weiteren Zusammenarbeit sah, zog er sich aus dem dreiköpfigen Organisationsteam zurück. [12]

 

Auch danach wurde die Fortführung des Internationalen Jazz Festivals immer wieder in Frage gestellt, so dass es ohne die stetigen Förderer, Sponsoren und die lebendige Jazz-Szene in der Stadt jederzeit zu einem abrupten Ende hätte kommen können. Treffend charakterisiert wird dies im Veranstaltungsheft der United Jazz Society: Schon längst totgesagt, gibt es das Viersener Jazz-Festival immer wieder, und das ist auch gut so. Denn neben den großen Mammutveranstaltungen ist die Intimität des Festivals eine Nische, die es zu bewahren gilt. [13]

 

Im Jahr 1995 beschloss der Kulturausschuss der Stadt Viersen aus Kostengründen das dreitägige Festival auf zwei Tage [14] zu reduzieren und den besucherschwachen Sonntag zu streichen. Zusätzlich überlegte man, mit einem durch größere stilistische Bandbreite geprägten Programm einen höheren Publikumszuspruch zu erlangen.

 

Seitdem findet das Festival mit ca. zehn Bands an zwei Tagen in der zweiten Septemberhälfte statt. Veranstaltungsort ist nach wie vor die Festhalle, die wegen ihrer hervorragenden Akustik als Spielstätte nicht nur für Jazz besonders geeignet ist.

 

Das Programm des Festivals war von Anfang an auf die Moderne festgelegt und hatte keine Berührungsängste mit der Avantgarde. In Abgrenzung zu anderen Festivals setzte man deutliche Akzente und stellte die europäische Szene in den Mittelpunkt des Festivalprogramms.

 

Besonders charakteristisch für das Viersener Festival ist die bewusste Orientierung am zeitgenössischen Jazz und die „goldene“ Mischung aus Newcomerbands der deutschen Jazzszene und international bedeutenden Stars wie Chick Corea, Freddie Hubbard, Dave Holland, Pharoah Sanders, John Abercrombie, Charlie Mariano, Joe Zawinul, Billy Cobham, Stéphane Grappelli, Ron Carter, Chris Potter, Jean-Luc Ponty, Didier Lockwood, Lee Konitz, Monty Alexander, Jazzkantine, Ahmad Jamal, Gonzalo Rubalcaba, Joachim Kühn, Philip Catherine, Nils Landgren, Nils Petter Molvaer, Niels Henning Ørsted Pederson, Benny Golsen, Carla Bley, Mike Mainieri, Aziza Mustafah Zadeh, Maria Joao, Candy Dulfer, Aki Takase und Barbara Dennerlein, die alle im großen Saal aufgetreten sind.

 

Im Festhallenkeller haben ausgesuchte Newcomer-Bands aus Nordrhein-Westfalen und der internationalen Jazz-Szene die Gelegenheit, einem interessierten Publikum ihr Können zu zeigen.

 

Die Anfangszeiten der Konzerte sind so gelegt, dass man sowohl das Programm auf der Hauptbühne als auch im Keller hören kann. Unter den Nachwuchsgruppen waren so bekannte Namen wie Nils Wogram, Simon Nabatov, Norbert Scholly, Nicolas Simion, Jürgen Friedrich, Steve Lacy, Hans Lüdemann, Claudius Valk, Frank Speer, Sebastian Räther, Dieter Manderscheid und Céline Rudolph, um nur einige zu nennen.

 

Seiner Idee, möglichst viele verschiedene Stile des Jazz zu präsentieren, blieb das Festival treu und so sind beim Viersener Festival unterschiedlichste Stilrichtungen des Jazz zu hören. In den letzten Jahren waren dies unter anderem: Freejazz, Acid-Jazz, M-Base, Fusion, Bebop, Hardbop, Swing, Gypsy-Swing, Rock-Jazz, Blues und Afro-Cuban-Jazz. Dem Jazz artverwandte Musikstile wie Latin und Funk sind ebenfalls vertreten. 

 

Text: Dr. Axel Greuvers, 2006

 

[1] Eigentlich Modern Jazz Quintet aus der Stadt Usti nad Labem.

[2] Die international besetzte Jury bestand aus dem Pianisten Georg Maycock, Panama, dem Tenor- Saxophonisten Wilton Gaynair, Jamaica, dem amerikanischen Trompeter Jan Eardley und R. Glenn Buschmann aus Dortmund.

Vgl. hierzu: Stadtarchiv Viersen (=StaV), Bestand Viersen (= VIE) 4624.

[3] Westdeutsche Zeitung vom 14.1.1969.

[4] Vgl. hierzu: Rheinische Post vom 8.1.1969.

[5] Ende 1990 wurde der VHS-Jazzclub geschlossen, da die Besucherzahlen stark abnahmen.

[6] Seit 1993 veranstaltet der Jazz Circle Viersen e.V. jährlich 9 Jazzkonzerte im 250 Zuschauer fassenden Süchtelner Weberhaus, das erst die Stadt Viersen, ab dem 1.1.2001 die Viersener Aktien Baugesellschaft AG dem Verein für Jazz-Konzerte mietfrei zur Verfügung stellt. Anfangs wollte der Verein eine neue organisatorische Basis und Spielstätte für die lokale und überregional anerkannte Jazz-Szene schaffen. Mittlerweile bringt der Jazz Circle internationale Gruppen und die ganze Bandbreite des modernen Jazz.      

[7] Das European Jazz Ensemble feierte am 9.2.2001 aufgezeichnet vom WDR Fernsehen in der Dinslakener Stadthalle sein 25jähriges Bestehen.

[8] Später in seiner Doppelfunktion als Freier Mitarbeiter des WDR Fernsehens (ab 1989 bis heute) in der WDR Jazz Redaktion mit Dieter Hens.

[9] Dieter Speck war, von 1984-1996 als Freier Mitarbeiter, Moderator der Jazz Sendungen „JAZZ-CORNER“, „SO WHAT NITE SHOW“ und „JAZZ NIGHT RIDER“ im WDR und Deutschlandfunk.

Vgl. hierzu auch die Internetseite von Dieter Speck www.dieterspeck.de

[10] Im Jahr 1989 gab es aus finanziellen Gründen nur eine lange Jazz-Nacht mit dem Motto „Viersen von 4 bis 4“.

[11] Neue Musikzeitung von 1989, zitiert nach Programmheft des Internationalen Jazz Festivals Viersen 1989 S. 33.

[12] Vgl. hierzu: Rheinische Post vom 24.6.1992 und Westdeutsche Zeitung vom 26.6.1992.

Als neuer Festival-Moderator wurde der bekannte Musikjournalist und WDR Moderator Karsten Mützelfeld verpflichtet. Ab 2001 moderiert Dieter Hens das Festival.

[13] United Jazz Society, Bochum Heft 4/1996 S. 12.

[14] Auf den Freitag und Samstag.